Freitag, 12. August 2016

Rechtschreibung? Ungenügend!

Lesen Sie auch meinen Post Rechtschreibung auf Talfahrt!

Jüngst (am 23. Juli 2016) stand in der Rheinpfalz ein bissiger Artikel über einen Landtagsabgeordneten, der die Regierung mit Kleinen Anfragen traktiere.
Überschrieben mit »Rechtschreibung? Ungenügend«.
Kärrnerarbeit eines Parlamentierers, der in der laufenden Legislaturperiode (ab Mitte Mai 2016) schon 83 Vorgänge angeleiert habe. Im berichteten Falle habe dieser angefragt, ob die Anforderungen in Einstellungstests für den gehobenen Dienst bei der Polizei ‒ und zwar bezüglich der Kompetenzen in der Rechtschreibung ‒ von der Regierung als hinreichend erachtet würden. In dem einschlägigen Diktat dürften sie bei 150 Wörtern maximal 20 Fehler machen.
Der Landtagsabgeordnete habe diese Anforderung mit jenen in der Schule verglichen, und zwar in der 4. Klasse der Grundschule (100 Wörter, 14 Fehler ergibt „ungenügend“) und der 7. Klasse des Gymnasiums (180 Wörter, 20 Fehler ergibt „ungenügend“), schlussendlich der Regierung die Frage gestellt, ob sie der Ansicht sei, die deutsche Rechtschreibung solle in Einstellungstests eine derart untergeordnete Bedeutung erfahren.
*) Kärrnerarbeit = harte körperliche Arbeit, von Karren/Wagen ziehen
  
Was ich dem Parlamentarier sagen möchte 
  1. Es wäre gewiss besser gewesen, die Beispiele zu den „Anforderungen“ prozentual statt mit absoluten Zahlen dazulegen, also
    Grundschule: 100 Wörter, 14 Fehler – entspricht 14%
    Gymnasium, 7. Klasse: 180 Wörter, 20 Fehler – entspricht rd. 11%
    Einstellungstest Polizei: 150 Wörter, 21 Fehler – entspricht 14% (max. 20 Fehler sind erlaubt)
    So sieht man, dass die Unterschiede in den Bewertungen als eher gering einzustufen sind.
  2. Die „Anforderungen“ eines Diktats resultieren ja nicht nur aus Fehler-Bewertungsskalen, sondern in erheblicher Weise aus dem Schwierigkeitsgrad des Textes, dem zugrunde liegenden Wortschatz und auch den Techniken des Diktierens.
    Ich bin relativ sicher, es wäre mir ein Leichtes, ein Diktat zu konzipieren, bei dem auch jede Menge Parlamentarier mit einer beachtlichen Fehleranzahl aufwarten würden. Und der Autor des Artikels auch (siehe Wortliste im Anhang).
  3. Diktate in der Schule sind in der Regel in einen Kontext eingebunden, beziehen sich auf vorausgegangenen Unterricht und Lerninhalte. Diese „Einbettung“ ist bei einem Einstellungstest wohl nicht gegeben, was ihn erheblich schwieriger macht und zugleich den Stress bei den Probanden erheblich erhöht.
  4. Es geht um den „gehobenen“ Dienst. Die Probanden haben mithin Abitur oder mindestens Fachabitur. Hier werden also „fertige“ Absolventen unseres Bildungssystems geprüft. Da dürfen, nein, müssen die Anforderungen hoch angesiedelt sein.
  5. Bewertungsskalen resultieren immer auch aus den Testergebnissen. Was nützt es, die Maßstäbe höher zu setzen, wenn in Folge viele oder gar alle Probanden durchfallen? Polizisten werden gebraucht, heute mehr denn je. Also muss der Einstellungstest leichter gemacht werden.
    Der Hase liegt hier wo ganz anders begraben, nämlich in der Qualität der einschlägigen schulischen Bildung.
Nichsdestotrotz gebührt dem Parlamentarier Respekt. Denn er fasst ein heißes Eisen an. Und er appelliert gegen die seit vielen Jahren, gar Jahrzehnten anhaltende Entwicklung, die Anforderungen im Bereich „Rechtschreibung“ immer weiter zu reduzieren.
Es hat Zeiten gegeben, Mitte des vorigen Jahrhunderts, da bedeutete einzig eine Fünf in Fach Deutsch das Nichtbestehen der „Reifeprüfung“. Von da an ging’s bergab mit den einschlägigen Anforderungen. Inzwischen sind wir so weit, dass die Inkompetenz in der Rechtschreibung längst an den Universitäten angekommen und die Entwicklung als dramatisch zu bezeichnen ist.
Man darf aber fast sicher sein, dass die lobenswerte Kleine Anfrage des Landtagsabgeordneten ohne jede Wirkung im Sande versickern wird.


20 Fehler in einem 150 Wörter umfassenden Text?
Lassen Sie mich das mal visualieren. In Schreibschrift mit 1,5 Zeilen Abstand füllt das etwas mehr als eine halbe DIN-A4-Seite. Darauf 20 Fehler, das sieht dann mit Fehlermarkierung so aus:


„Das ist zu viel des Schlechten“, würde wohl jeder sagen, allein aufgrund des optischen Eindrucks. Eigentlich ist es zu viel, als dass man so etwas durchgehen lassen könnte. Bei einer ganzen Seite wären das an die 40 Fehler. Auf Neudeutsch: ein No-Go (Duden, 26. Auflage).
Ein Personalchef müsste da wohl eher abgeneigt sein; es sei denn, bei allen anderen Bewerbungen sieht es noch schlimmer aus.


Was ich dem Autor des Artikels sagen möchte

Ich habe so meine Zweifel, ob der Autor ein Gespür dafür hatte, die Ernsthaftigkeit eines solchen Anliegens nicht in seiner spitzen Ironie untergehen zu lassen.
Seine Bemerkung »Als Journalist sollte man sich zwar besser hüten, über Fehlerquoten anderer zu schreiben – es sei denn, man freut sich über die Leserbriefe von pensionierten Oberstudienräten, die die Zeitung offenbar bisweilen mit dem Rotstift in der Hand lesen.« lässt mich zweifeln.
Ich bin zwar kein pensionierter OstR, aber ich ärgere mich schon des Öfteren über die Rechtschreibfehler in der Rheinpfalz und derartig abfällige Bemerkungen jener, die sie zu verantworten haben. Ich denke, dass Zeitungen und ihre Redakteure und Journalisten hier eine besondere Verantwortung haben und möglichst keine Beiträge dazu leisten, noch weitere Fehler unter’s Volk zu bringen. Da haben wir beileibe schon genug.
Seine Hoffnung »Dieser Text hat übrigens über 500 Wörter – und hoffentlich nicht mehr als 20 Fehler.« hat sich allerdings erfüllt: Es gibt nur einen Fehler in seinem Text, der allerdings deftig, weil dem Bereich „Grundkompetenzen“ zugehörig.

Der Autor würde wohl eine Initiative „Rettet die deutsche Rechtschreibung“ gerne unterstützen, denn er schreibt im Schlusswort »Und mal ganz ehrlich: Es wäre schon schön, wenn die Protokolle von Beamten weniger Rechtschreibfehler hätten als ein „ungenügendes“ Diktat eines Viertklässlers. Oder?«
Ja! Aber nicht nur bei Polizisten, sondern auch bei Abiturienten, in Masterarbeiten von Studierenden, bei Lehrkräften und Journalisten, und und und.
Und wir sollten unsere Schriftsprache nicht retten wollen, weil das schön wäre, sondern?
Übrigens ist es wohl nicht eine Hauptbeschäftigung von Polizisten im gehobenen Dienst, Protokolle zu schreiben.
Jene Menschen, die immer zahlreicher mit immer eklatanteren Defiziten in der Rechtschreibung daherkommen, wollen tragende Säulen unserer Gesellschaft sein/werden. Schlussendlich bestimmen sie vielleicht mit bei der Frage, welche Bedeutung die Rechtschreibung in unserem Bildungssystem besitzen soll.
Womit sich der Kreis schließt. Oder sagen wir besser: Womit die Spirale nach unten Fahrt aufnimmt.



Anhang:
Nebenstehend eine Wortliste, anhand derer man einen schwierigen Rechtschreibtest konzipieren könnte.


"Fies zusammengestellt" bedeutet, dass die Abfolge der Wörter so bedacht gewählt ist, dass sie die Testpersonen in Zweifel geraten lässt.
Lassen Sie sich die Wörter diktieren. Und vertrauen Sie Ihrem "Bauchgefühl"!
Vorausgesetzt, Sie haben ein solches beim Erlernen der Rechtschreibung entwickelt.






Nachtrag:
Es war etwas mühselig, im Netz Beispiele zu finden zu den Diktaten beim Einstellungstest für den Polizeidienst (es gibt wohl Firmen, die das Training dafür zum Geschäftsmodell gemacht haben).
Eine Seite, auf der man 6 Beispiele solcher Diktate kostenlos zum Downloaden findet, ist jene der Landespolizei Schleswig-Holstein. Dort ist auch der Ablauf erläutert:

  • Der gesamte Text wird einmal vorgelesen.
  • Dann wird der erste Satz vorgelesen.
    Es folgt ein Teilsatz und Sie beginnen mit dem Schreiben. Ein weiterer Teilsatz folgt, den Sie ebenfalls aufschreiben.
    Im Anschluss wird der gesamte Satz noch einmal vorgelesen.
  • So wie beschrieben, wird mit dem gesamten weiteren Text verfahren.
  • Am Ende wird das gesamte Diktat noch einmal vorgelesen.
Auf der Seite der Polizei RLP steht übrigens zu lesen: »Das Diktat wird diktiert und von dir am Computer geschrieben.«

Diese Texte sind sehr moderat, entstammen einem realistischen Kontext, es gibt keine Häufung von Schwierigkeiten, sie werden bestens und deutlich und in einer guten Technik diktiert.
Ehrlich gesagt ist es für mich kaum vorstellbar, dass Schulabgänger mit Realschulabschluss oder Abitur dort viele Fehler machen.
Wenn dem tatsächlich so ist: Armes Deutschland … oder besser: Arme deutsche Schule.


 

Keine Kommentare:

Kommentar posten

Gerne können Sie einen Kommentar abgeben.